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Remo Ankli: «Bildung ist auf die Zukunft gerichtet»

5 Feb ’17 - 18:47

BBZ

Im neuen Berufsbildungszentrum in Solothurn zieht der Bildungsdirektor Remo Ankli Bilanz über seine erste Amtsperiode.

Sie bezeichnen das neue Berufsbildungszentrum Solothurn-Grenchen als Ihren Lieblingsort. Warum nicht ein Ort im Schwarzbubenland, Ihrer Heimat?

Remo Ankli: Es gibt nicht nur einen Lieblingsort. Der Blick vom Passwang auf meinen Wohnort Beinwil ist für mich natürlich einzigartig. Mit dem Berufsbildungszentrum will ich auch eine politische Botschaft verbinden. Der Neubau drückt aus, dass wir Investitionen in die Bildung tätigen. Gleichzeitig unterstreiche ich damit die Bedeutung des dualen Berufsbildungssystems. Zudem hat man einen herrlichen Blick auf die Aare und die Kathedrale.

Die Stärkung der dualen Bildung ist ein zentrales Anliegen der Sek-I-Reform. Ist das gelungen?

Wir sind ein Kanton mit einer starken Berufsbildung. Und den Schulen gelingt es, die Schülerinnen und Schüler an die Berufsbildung heranzuführen. Wir haben keine wachsende gymnasiale Maturitätsquote und das scheint mir gut so. Die Berufsmaturität möchte ich noch etwas stärken. Die eingeführten Abschlusszertifikate am Ende der Sek E und der Sek B finden in der Wirtschaft Anklang, auch die Checks, die ja ein Teil davon sind.

Dennoch: Es braucht Anpassungen. Ein neues Wahlfachsystem zum Beispiel soll die Schüler besser auf die Berufsbildung vorbereiten?

Auf das Schuljahr 2017/18 werden erste Anpassungen vorgenommen. Es ist völlig normal, dass eine so grosse Reform nach einigen Jahren gewisse Justierungen braucht. Wir machen dies in einem möglichst grossen Konsens mit allen Partnern. Es handelt sich dabei auch oft um technische Fragen, nicht um hochpolitische Themen.

Nötig ist auch eine höhere Durchlässigkeit von der Sek E in die Kanti?

Die Durchlässigkeit von der Sek E in die Kanti war eigentlich von Anfang an politisch gefordert worden. In der Realität ist das dann nicht ganz so eingetreten wie gewünscht. Man ist aber jetzt daran, das zu ändern. In der Theorie funktioniert die klare Ausrichtung von Sek E auf die Berufsbildung und der Sek P auf die Kanti. In der Praxis aber haben wir es mit Menschen zu tun und auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Auch nach der Sek E soll man die realistische Chance haben, an die Kanti zu wechseln. Damit wollen wir den Druck abbauen, dass jemand unbedingt in die Sek P gehen will, nur um sich alle Möglichkeiten offenzuhalten. Die Profilierung der Sek P als Vorbereitung auf das Gymnasium bleibt aber weiterhin bestehen.

Ihre Aufgabe als Bildungsdirektor bestand bis jetzt vor allem in der Umsetzung von Reformen, die Sie nicht verantworten. Eine undankbare Aufgabe?

Bei der Wahl in ein Amt übernimmt man die Aufgaben, die anstehen. Jedes Gebäude, das gebaut wird, braucht Anpassungen. Und auch Schulreformen von einem gewissen Ausmass können nicht von Anfang an perfekt sein. Zudem ist es nicht so, dass ich nichts Neues anpacken kann. Wir müssen zum Beispiel die Schule vorbereiten auf die Digitalisierung. Im Volksschulbereich ist der Kanton führend beim Unterricht in der Informationstechnologie. In Zukunft dürfte die Digitalisierung auch den Unterricht in den bestehenden Fächern beeinflussen. Auch auf der Sek-II-Stufe braucht es verstärkte Bemühungen.

Neben der Umsetzung der Reformen stand Ihr Departement unter einem hohen Spardruck. Auch eine undankbare Aufgabe …

Der Sparauftrag über alle Departemente hinweg hatte in der zu Ende gehenden Legislatur die höchste Priorität. Der Bereich Bildung ist der grösste Budgetposten und musste einen entsprechenden Anteil beitragen. Das haben wir getan, indem wir Strukturen verschlankt und Personal abgebaut haben. Mein Ziel war es, die Einsparungen so durchzuführen, dass die Strukturen keinen Schaden nehmen. Und das ist mir, glaube ich, nicht schlecht gelungen. Die Anzahl Lektionen mussten wir etwas reduzieren. Wir liegen jetzt im Schweizer Durchschnitt. Keinesfalls will ich den Durchschnitt unterschreiten. Bei den Internatsplätzen in Sonderschulen, wo wir tendenziell auch über dem Durchschnitt lagen, sind wir ebenfalls etwas zurückgefahren.

Zurück zu den Reformen: Die Öffentlichkeit wird kaum über die Umsetzungsarbeiten informiert – scheuen Sie die Auseinandersetzung?

Ich habe bei den Reformen versucht, die involvierten Kreise einzubinden. Die Öffentlichkeit informieren wir dann, wenn die Arbeitsgruppen zu Resultaten gelangt sind. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir nicht informieren.

Über die Neuerungen beim Übertrittverfahren von der Primarschule in die Sek I etwa hat das Departement die Öffentlichkeit nicht aktiv von sich aus informiert …

Ich nehme das entgegen und ich finde diese Bemerkung auch nicht völlig falsch. Die Schulen wurden von uns selbstverständlich informiert. Aber man kann immer über das Ausmass der Information diskutieren.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen im Bereich Bildung?

Eine der grössten Herausforderungen ist die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. In der Aus- und Weiterbildung von Berufsleuten müssen wir zudem die Verschiebung vom Industriesektor hin zum Dienstleistungssektor berücksichtigen. Und: Bildung und Schule sind das Präventionsprogramm gegen «alternative Fakten» oder die «postfaktische Politik».

Ist die Umsetzung der Speziellen Förderung nicht eine Dauerbaustelle? Die Zufriedenheit vieler Lehrpersonen ist mittelmässig …

Die Zufriedenheit nimmt über die letzten Jahre immerhin zu. Die Umstellung von der Separation zur Integration ist ein riesiger Schritt. Aber es ist klar: Wir haben vom Kantonsrat den Auftrag, separative Formen innerhalb der Speziellen Förderung zu ermöglichen.

Mit dem Postulat der Integration stösst man offenbar an Grenzen?

Man war zu Beginn vielleicht etwas zu euphorisch. Zurzeit prüfen wir zum Beispiel, ob man ähnliche Gefässe wie die früheren Einführungsklassen ermöglichen könnte. Wir können allerdings nicht mit zwei Systemen parallel fahren. Separative Formen müssen innerhalb des Systems mit dem Förderlektionen-Pool organisiert werden können. Andernfalls müssten wir mit Mehrkosten rechnen.

Heiss diskutiert wird zurzeit die Einführung des Lehrplans 21. Wird er umgesetzt?

Ich bin zuversichtlich, weil wir damit keine Revolution anstossen. Mit dem Lehrplan werden in den 21 deutschsprachigen Kantonen zusammen Entwicklungen weitergeschrieben und vervollständigt. Zudem wird in der Berufsbildung schon lange kompetenzorientiert unterrichtet. Abstimmungen in anderen Kantonen zeigen, dass das Volk hinter dem Lehrplan 21 steht.

Zu ihren Aufgaben gehört neben der Bildung auch die Kulturpflege. Warum ist diese noch immer nicht im ordentlichen Budget verankert?

Aus Spargründen hat man diesen Bereich seinerzeit aus dem ordentlichen Budget ausgeklammert. Die Finanzierung über den Lotteriefonds gibt der Kulturförderung aber auch finanzielle Sicherheit. Es findet aber keine echte politische Debatte statt. Ich bin deshalb der Meinung, dass man die Kultur stufenweise wieder ins ordentliche Globalbudget aufnimmt. Das entspricht auch der Praxis in anderen Kantonen.

Werden Sie bei Ihrer Wiederwahl Bildungs- und Kulturdirektor bleiben?

Ich will das Departement behalten. Meine Arbeit habe ich noch keine Minute bereut. Bildung ist positiv besetzt und auf die Zukunft ausgerichtet. Die Gesellschaft entwickelt sich und die Schule muss sich mitentwickeln. Die Schule darf den Anschluss nicht verlieren. Die Kritik an den vielen Schulreformen darf nicht zu einer Friedhofsruhe führen.

Im Rahmen von Sparübungen mussten Sie «Ihre» Schwarzbuben immer wieder vor den Kopf stossen. Was hat das Schwarzbubenland von Ihnen?

Ich bringe die Sichtweise des Schwarzbubenlands in die Regierung ein. Zum Beispiel, was die Sensibilität im Bereich Verkehr betrifft oder auch die Zusammenarbeit mit den beiden Basel. Andererseits kann ich den Schwarzbuben die Entscheide der Regierung erklären. Ich verstehe mich als Brückenbauer. Es ist allerdings unmöglich, Geschenke zu verteilen.

Seit Anfang Jahr sind Sie erstmals Landammann: Im Wahljahr ist das sicher nicht ganz unwillkommen?

Schon als normaler Regierungsrat ist man ja an vielen Anlässen präsent. Vor einem Anlass muss ich mir sicher noch mehr überlegen, was ich als Landammann dazu beitragen kann. In den nächsten Wochen wird die Unternehmenssteuerreform III zunehmend das Thema sein. Die Schweiz muss auf internationalen Druck eine Anpassung vornehmen. Der geplante Weg ist eine Herausforderung, gleichzeitig aber auch eine Chance. Ich bin überzeugt, dass die Wirtschaft damit Schwung bekommt. Dadurch wird die USR III schliesslich allen nützen, nicht nur wenigen. Auch im Kanton Solothurn.

Drohen durch die USR III nicht gerade im Bildungsbereich weitere Sparmassnahmen?

Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung werden die Steuerausfälle vielleicht gar nicht so gross sein. Zudem werden wir über eine gewisse Zeit mit Defiziten leben. Die Aufgabe für alle Departemente besteht in einer restriktiven Budgetierung. Ich bin aber klar gegen eine weitere Kürzung der Lektionenzahl.

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