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Als sich drei Parteien die Macht teilten

13/10/2015 - 14:38

125 Jahre SP

Wozu die Solothurner Parteien überhaupt historische Rückschauen betreiben würden, wollte am Ende der Veranstaltung ein Mann aus dem Publikum wissen. «Wo man doch in die Zukunft blicken müsste statt in die Vergangenheit.» Das konnte Urban Fink auf dem Podium natürlich so nicht stehen lassen. «Eine Partei, die sich nicht um ihre eigene Geschichte kümmert, ist erbärmlich», sagte der Historiker.

Dass allerdings seine eigene politische Heimat, die Solothurner CVP, im Gegensatz zur FDP und SP kein Archiv führt, muss dann doch als Manko angesehen werden. Die Aufarbeitung der Geschichte löse viele positive Prozesse aus, betonte Susanne Schaffner, die das Komitee zum 125-Jahr-Jubiläum der Solothurner SP präsidiert. Im Rahmen der Festveranstaltungen diskutierten am Donnerstag drei Historiker über die Geschichte von CVP, FDP und SP – mit den traditionellen Parteifarben Schwarz, Gelb und Rot jener Trikolore, die den Kanton Solothurn von 1890 bis in die 1990er-Jahre prägte. Die SVP ist im Kanton eine historische Fussnote; sie wurde erst 1991 gegründet.

Linke und Freisinn vereint

Dass um die Jahrhundertwende die Linke und der Freisinn viel enger verbunden waren als die bürgerlichen Parteien untereinander, veranschaulichte ein Zitat des liberalen Solothurner Nationalrats Albert Brosi, der zum 1. Mai 1890 kämpferische Worte zum Verhältnis von Kapital und Arbeit fand. Arbeiterschaft und Freisinn machten gemeinsame Sache. Zu jener Zeit waren es die Liberalen, die im Kanton alle Register zogen und sich an die Macht klammerten. So stemmten sie sich gegen den Wahlproporz, durch den die Katholisch-Konservativen und die Sozialdemokraten erst ihre Abgeordneten im Parlament unterbringen konnten. Die damalige FDP vereinigte alle Bevölkerungsschichten unter ihrem Dach. «Die Partei verstand sich als Staat, sodass sie ihre Sitzungen wie selbstverständlich im Solothurner Rathaus abhielt», wusste der Historiker Peter Heim.

Mit der wachsenden Arbeiterschaft gewann die soziale Frage an Bedeutung, und so buhlten alle drei Parteien um das neue Wählersegment. Auch der Freisinn habe sich um die Arbeiter bemüht, sagte Regierungsrat Remo Ankli, der als promovierter Theologe und Historiker an der Diskussion teilnahm. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts brach die gelb-rote Koalition auseinander, als in den Leberberger Uhrenateliers aufgrund der amerikanischen Konkurrenz die Arbeitgeber ihr Geschäft rationalisierten. Löhne wurden gedrückt, die Arbeitnehmer wehrten sich.

Die Priester und die braune Idee

Mit den drei Geisteswissenschaftern waren auf der Bühne im «Kreuz»-Saal in Solothurn Kapazitäten an politischem Wissen über den Kanton vereint. Da alle drei Historiker Mitglieder der drei Traditionsparteien sind, ergänzten sie sich mit ihren Kenntnissen und sorgten für eine unterhaltsame Diskussion. Vor allem Remo Ankli und Urban Fink versuchten mehrfach, die Leistungen ihrer Farben in den Vordergrund zu rücken. Auf der anderen Seite scheuten sie die Kritik nicht, als es um fragwürdige Positionsbezüge in der Vergangenheit ging. Etwa als Gesprächsmoderator Christian von Arx, Redaktor von Solothurner Zeitung und Oltner Tagblatt, Urban Fink auf den Antisemitismus innerhalb der Katholisch-Konservativen Partei ansprach. Das braune Gedankengut fiel bei antisemitischen Priestern durchaus auf fruchtbaren Boden. «Dazu gab es eine zweite Gefahr bei den Konservativen, nämlich das extreme Bild von Ordnung», sagte Fink. Gewisse schwarze Politiker seien empfänglich gewesen für die faschistische Idee.

Mit Frauen taten sie sich schwer

Remo Ankli wiederum wusste, dass seine Partei beim Frauenstimmrecht keine Vorreiterrolle gespielt habe. Die ersten Forderungen für eine politische Beteiligung der weiblichen Bevölkerungshälfte kam 1911 von der ersten sozialdemokratischen Frauenorganisation in Olten. Doch selbst die Linke tat sich schwer damit, Frauen den Zugang zur Macht zu gewähren, ergänzte Peter Heim, der als ehemaliger Lehrer seine Ausführungen dem Publikum anschaulich näherbrachte. Die linken Wortführer hätten sich zwar für gleiche Rechte starkgemacht. Als aber 1973 der Kantonsrat endlich auch für Frauen offen war, wurde keine einzige Sozialdemokratin gewählt. Nur gerade 6 Frauen schafften es in den damals 144-köpfigen Rat. SP-Ständerat Roberto Zanetti im Publikum vermutete, dass dies mit dem damaligen Solothurner Listenproporz-Verfahren zusammenhing. Dieses habe vor allem der FDP als stärkster Partei ermöglicht, die ihr genehmen Vertreter der anderen Parteien ins Parlament zu wählen: «Der Freisinn wählte die linken Paschas, aber nicht die linken Frauen.» Der langjährige FDP-Kantonsrat Max Flückiger aus Biberist widersprach: «Wir Freisinnigen sind nicht schuld, dass keine SP-Frauen in den Kantonsrat gewählt wurden.» Schuld, dass bis heute weder eine SP- noch eine CVP-Frau je in den Regierungsrat gewählt wurde, haben am Ende wohl die Wähler.

Am wenigsten Gehör fanden die Frauen bei den Katholisch-Konservativen. Deren Anliegen seien von den Partei- und Kirchenoberen bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts abgeblockt worden waren, oder, wie Heim zugespitzt formulierte, «sie wurden von den Pfaffen einfach mit ihren Schriften zugedröhnt».

Kurzweilig und amüsant

Zum Schluss munterte Moderator von Arx die anwesenden Sozialdemokraten auf, «doch zu euren Wurzeln zurückzukehren und wieder der FDP beizutreten, von der ihr euch damals 1890 gelöst habt». Für die nicht ganz ernst gemeinte Aufforderung erntete er Lacher an einem Anlass, der viel mehr war als eine Nabelschau der drei grossen Solothurner Parteien, sondern ein kurzweiliger und von viel kritischem Geist beseelter Abend.

 

Peter Heim (Starrkirch-Wil)

Peter Heim ist Historiker, war Lehrer an der Kanti Olten und Oltner Stadtarchivar. Der SPler leitet das Projekt Firmenarchive des Historischen Vereins des Kantons Solothurn. Als Neuendörfer komme er aus einem «schwarzen» Haus. Zu den Sozialdemokraten sei er (Jahrgang 1944) im Zuge der 1968er-Bewegung gelangt. «Obwohl ich eigentlich fast zu alt dafür war.»

Urban Fink (Oberdorf)

Urban Fink hat Jahrgang 1961, ist Historiker und Theologe und Redaktionsleiter der Schweizerischen Kirchenzeitung. Er stammt aus einer Familie mit CVP-, FDP- und SP-Mitgliedern. Dass er selber CVP-Mitglied ist, habe sich einfach ergeben. «Ich bin ein Mischgewächs mit Berührungspunkten zum Freisinn und zu den Roten», sagt er.

Remo Ankli (Beinwil)

Remo Ankli: Der Bildungsdirektor des Kantons Solothurn, Jahrgang 1973, ist Theologe und Historiker. Seine Dissertation verfasste er zum Thema «Freisinnig und katholisch – das Schwarzbubenland im Kulturkampf». Bei der FDP sei er zum einen aus familiären Gründen gelandet, zum andern, weil es in seiner Region eine freisinnige Jungpartei gab.

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