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Engere Bande mit China

17/05/2014 - 11:46

Von Markus Wüest, Harbin (China)

Harbin ist eine Stadt wie aus einem Science-Fiction-Film. Ganze Büschel von neuen Wolkenkratzern wachsen wie Blumen im Frühling aus dem Boden oder sind schon fertiggestellt und bewohnt. Ganze Stadtteile werden neu errichtet und daneben hat es andere, alte Quartiere, die zerfallen, die ungepflegt sind, die danach aussehen, als würden demnächst die Bewohner umgesiedelt, um das Alte plattzumachen und Neueres, Schöneres, Grösseres zu bauen.

Die Fünf-Millionen-Stadt ist die Hauptstadt der Provinz Heilongjiang im Nordosten der Volksrepublik China. Sie liegt nördlicher als Nord-Korea, selbst die russische Stadt Wladiwostok, der östliche Endpunkt der berühmten und legendären transsibirischen Eisenbahn, ist weiter im Süden. Harbin wurde von Russen gegründet, davor war es nur ein Fleck, ein Fischerdorf. Damals, 1898, gehörte dieser Teil des heutigen China zu Russland. Damals sprach man noch von der Mandschurei.

Heute ist die Stadt wirtschaftliches Zentrum Nordchinas, im steten Wachstum begriffen und seit ein paar Jahren auch Anziehungspunkt für die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Letzten August konnte mit Unterstützung der chinesischen Regierung in Harbin das Swiss SME Research Center China ­(SSRCC) eröffnet werden. Seit Januar 2014 ist das kleine Büro in einem ganz modernen Hochhaus im neuen Stadtteil nördlich des Songhua Jiang unter­gebracht. Das SSRCC dient als einer von sieben Stützpunkten der FHNW in China. Hierher ­können regelmässig Studenten der Hochschule für Wirtschaft (HSW) der FHNW gehen, um direkt vor Ort Projektarbeiten auszuführen; Praxis statt Theorie lautet die Devise. Zum Beispiel um abzuklären, wie Produkte des Milchverbandes der Nordwestschweiz (Miba) in China verkauft werden könnten. Oder wie ein KMU aus Olten hier einen neuen Markt erschliessen kann. Die HSW umfasst die Standorte Olten, Brugg, Basel. Das Center in Harbin steht allen Mitarbeitenden und Studierenden der HSW ab sofort zur Verfügung.

Chinesen kommen in die Schweiz

Das Ganze funktioniert aber seit Beginn auch umgekehrt. Im Center werden die Kontakte für chinesische Kaderleute geschaffen, die in die Schweiz kommen, um in Olten an einer dreiwöchigen Schulung an der Hochschule für Wirtschaft teilzunehmen und die westliche Kultur vor Ort kennenzulernen. Dank des von Bundesrat Johann Schneider-Ammann am 6. Juli 2013 unterzeichneten Freihandelsabkommens der Schweiz mit China sind wirtschaft­liche Kontakte zwischen den zwei ungleichen Ländern – acht Millionen Einwohner zu 1400 Millionen – viel einfacher geworden, und hüben wie drüben sehr erwünscht.

So waren in den letzten beiden Jahren bereits fünf Delegationen aus Harbin für mehrwöchige Kaderprogramme zu Besuch in Olten. Und die Kontakte werden vertieft. Neue mögliche Verknüpfungen werden laufend ins Auge gefasst. Deshalb reist Ruedi Nützi, Direktor der Hochschule für Wirtschaft der FHNW, regelmässig nach China.

Auf seiner letzten Reise vom 7. bis zum 10. April war Nützi Leiter einer 15-köpfigen Delegation. Weil für die Chinesen Hierarchie von massgebender Bedeutung ist, waren zwei Delegations­mitglieder für sie noch wichtiger als «Mister Rudi»: Remo Ankli, Regierungsrat des Kantons Solothurn seit 2013 – Vorsteher des Departements für Bildung und Kultur – sowie Crispino Berga­maschi, seit 1. Januar 2011 Direktionspräsident der FHNW. Begleitet wurde Nützi zudem von Richard Bührer, dem emeritierten Vorgänger Bergamaschis, Daniel Probst, Direktor der Solothurner Handelskammer, Andreas Gasche, Geschäftsführer des kantonal solothurnischen Gewerbeverbandes und Georg Berger, Direktor der Oltner Berufsschule. Dabei waren auch weitere Vertreterinnen und Vertreter der FHNW und auf deren Einladung auch der Autor.

Dokumente unterzeichnet

Erklärtes Ziel der Reise war es, während des dreieinhalbtägigen Besuchs drei Dokumente unter Dach und Fach zu bringen. Das wichtigste darunter war die «Grundsatzvereinbarung über den Aufbau einer freundschaftlichen Partnerschaft zwischen dem Kanton Solothurn und der Provinz Heilong­jiang der Volksrepublik China». Dieses Dokument konnte am Abend des 8. April in feierlichem Rahmen in einem Gästehaus der Regierung ratifiziert werden. Remo Ankliunterschrieb im Namen des Kantons Solothurn, Hao Yunlong, Vizegouverneur der Provinz, als Vertreter von Heilongjiang.

Teil des Abkommens ist es, dass zwischen den Verantwortlichen beider Seiten «ein regelmässiger und hochrangiger Kontakt aufgenommen werden soll, um sich über den Austausch und Fragen der Zusammenarbeit sowie über andere relevante und wichtige Angelegenheiten zu konsultieren».

Ein paar Stunden vorher hatte Rolf Meyer, Leiter des SSRCC und Professor an der HSW, offiziell den Schlüssel für das neue Büro im 14. Stock des Hochhauses entgegennehmen können. Während des Besuches gelang es schliesslich auch noch, einen neuen Vertrag über den geregelten Austausch von Studierenden und Dozierenden zwischen dem Harbin Institute of Technology (HIT) und der Hochschule für Wirtschaft zu unterzeichnen. Das HIT gehört zu den sogenannten C9, den neun besten Universitäten Chinas. Es ist unter anderem in der Weltraumforschung aktiv.

Weil die Chinesen mehr und mehr Interesse an unserem dualen Bildungssystem zeigen, wurde die Schweizer ­Delegation am Mittwoch, 9. April, am Harbin Technician College, einer Berufsfachschule erwartet. Es war der grosse Tag von Georg Berger. Nach einer Besichtigung des «Technician College» – die ganze Schule war auf den Beinen und bot eine eindrückliche Leistungsschau – konnte er eine Absichts­erklärung unterschreiben.

Im Rahmen dieses offiziellen Teils der Reise und den zusätzlichen zwei Tagen in der Hauptstadt Peking sammelte ich, zum ersten Mal in China, eine grosse Zahl an Eindrücken. Angefangen bei der riesigen Stadt Harbin und ihrer merkwürdigen Geschichte über kulinarische Erlebnisse bis hin zu Einblicken in die Mechanismen der Politik in China. Ich lernte, warum es wichtig ist, auf welcher Höhe man beim Anstossen sein Glas hält, wie es kommt, dass der Fremdenführer in Peking einen stark rheinländischen Akzent hat und mit welcher List man sich vor dem Besuch der Schwiegereltern am Samstag­morgen schützt.

Über all diesen Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen werde ich in den nächsten Tagen in loser Folge berichten.

Ostasien lockt auch die Universität Basel

Basel. «An der Universität Basel ist China als Gegenstand linguistischer oder sozialwissenschaftlicher Forschung traditionell untervertreten gewesen», sagt Antonio Loprieno, der Rektor. «Diesen Mangel versuchen wir nun im Rahmen der Strategie 2014 zu beheben.» Schritte einer solchen vermehrten Aufmerksamkeit für Ostasien seien bisher einerseits die Besetzung der Leitung des Europainstitutes mit einer Wissenschaftlerin – Madeleine Herren-Oesch –, die auf die Beziehungen zwischen Europa und China spezialisiert sei, andererseits die Etablierung eines Confucius-Institutes. «Dazu kommen bevorstehende Besetzungen von Professuren mit einem Fokus auf China, etwa eine Professur in der Politikwissenschaft mit einer Ausrichtung auf Ostasien», sagt Loprieno. «Schliesslich werden wir dieses Jahr eine Vereinbarung mit einer ausgezeichneten chinesischen Universität, der East China Normal University in Shanghai im Hinblick auf studentischen Austausch und gemeinsame Forschungsprojekte unterzeichnen.»

Da die Hochschule für Wirtschaft (HSW) der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in die Städtepartnerschaft von Basel mit Shanghai eingebunden ist, organisiert sie laut Ruedi Nützi, Direktor der HSW, für die Stadt Basel und die Stadt Shanghai ein Junior-Manage-­Programm. Das heisst: Chinesische Kaderleute der städtischen Verwaltung kommen für ein Praktikum nach Basel (alle zwei Jahre sechs bis acht Personen).