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«Ich verstehe mich nicht als Reformer»

29/06/2014 - 18:04

Remo Ankli, man munkelt, der Bildungsdirektor habe mehr Baustellen als der Baudirektor. Wie sehen Sie das?

Remo Ankli: Ich würde sie allerdings nicht als Baustellen bezeichnen. Es handelt sich vielmehr um Projekte, die noch nicht vollständig umgesetzt sind. Bei einigen Projekten ist die Realisierung aber bereits ziemlich weit fortgeschritten. So zum Beispiel bei der Sek-I- Reform. Der erste Jahrgang verlässt im Sommer bereits die vollständig durchlaufene neue Schule der Sekundarstufe.

Sie haben von Ihren Vorgängern viele Projekte geerbt – und müssen jetzt die schwierige Umsetzungsphase begleiten…

Zum Teil kann ich aber auch die ersten positiven Früchte ernten. Die teilautonom geleiteten Schulen sind sehr gut angelaufen, wie gerade auch Umfragen des Volksschullehrerverbands zeigen. Meine Aufgabe sehe ich vor allem darin, die aufgegleisten Reformen sorgfältig umzusetzen und dem politischen Druck entgegenzuwirken, mehr oder andere Reformen anzugehen. Deshalb verstehe ich mich nicht als Reformer. Die Konsolidierung steht im Vordergrund. Damit entspreche ich auch dem politischen Willen des Kantonsrats, der sich für ein Reformmoratorium im Bildungsbereich ausgesprochen hat. Diesen Auftrag kann ich im Übrigen sehr gut nachvollziehen. Die Belastungsgrenze ist erreicht. Totale Ruhe wird in den nächsten Jahren dennoch keine einkehren. Bei den Umsetzungsprojekten gilt es sicher da und dort, Verbesserungen vorzunehmen. Insofern bedeutet Konsolidierung Beruhigung, aber nicht Stillstand.

Neben dem Reformmoratorium zwingt Sie der Sparauftrag in ein enges Korsett.

Dieser Sparauftrag ist tatsächlich eine Herausforderung. Der Bildungsbereich ist davon stark betroffen. Meine Aufgabe sehe ich darin, diesen Sparauftrag so umsetzen, dass wir keine bleibenden Schäden verursachen. Der Abbau von Lektionen zum Beispiel, den die Regierung beschlossen hat, lässt sich in finanziell besseren Zeiten wieder rückgängig machen. Wichtig scheint mir, dass keine Strukturen für immer zerstört werden.

Solothurn gibt im Vergleich zu anderen Kantonen schon jetzt eher wenig Geld aus für die Bildung. Ist es nicht irgendwann zu wenig?

In den letzten Jahren konnten wir die Unterrichtslektionen deutlich anheben und im schweizerischen Vergleich aufrücken. Ich halte die beschlossenen Lektionenkürzungen deshalb für eine vertretbare Sparmassnahme. Es kann aber gut sein, dass wir bei der Einführung des Lehrplans 21 wieder etwas aufstocken müssen. Es ist aber nicht jeder Franken, der in die Bildung fliesst, wirklich entscheidend für die Bildungsqualität. Obwohl wir weniger Geld ausgeben, schneiden Solothurner Schülerinnen und Schüler im Quervergleich nicht schlechter ab als Schüler in anderen Kantonen. Das spricht für unsere Schulen, das grosse Engagement unserer Lehrpersonen und Schulleitungen.

Bleiben wir beim Sparen: Wird es weiterhin möglich sein, an der PH in Solothurn ein Sek-I-Studium zu absolvieren?

Der Leistungsauftrag für die Pädagogische Hochschule gibt klare Vorgaben zu Studierendenzahlen im zweijährigen Masterstudiengang für Sek-I-Lehrpersonen. Und diese Zahlen sind am Standort der PH in Solothurn nicht erreicht worden. Der neue Leistungsauftrag, der diesen Monat im Regierungsrat behandelt wird, zieht daraus die Schlussfolgerungen. Mehr kann ich dazu jetzt nicht sagen.

Der Lehrplan 21 wird in vielen Kantonen, auch in Solothurn, kritisiert. Geben Sie dem Projekt noch eine Chance?

Der Lehrplan 21 verbessert den Übergang in die Berufswelt. Die Branchenverbände, welche die Berufslehrgänge vorgeben, brauchen verlässliche Abmachungen. Deshalb wurde die Harmonisierung des Bildungswesens politisch ausdrücklich gefordert. Mittlerweile ist Harmonisierung ein Reizwort geworden. Es wäre auch unrealistisch anzunehmen, dass ein solches Mammutprojekt diskussionslos durchgewinkt würde. Ich glaube aber, dass immer noch ein breiter Konsens besteht, Mobilitätsschranken abzubauen. Wichtig ist jetzt, einen Konsens darüber zu finden, wie weit die Harmonisierung gehen soll.

Wie weit soll die Harmonisierung Ihrer Meinung nach gehen?

Um gerade auch die Skeptiker eines harmonisierten Lehrplans zu überzeugen, ist ein pragmatisches Vorgehen gefragt. Ein solch pragmatischer Schritt ist zum Beispiel, dass der erste Entwurf jetzt überarbeitet wird. Zudem heisst Harmonisierung für mich nicht Gleichschaltung. Die Kantone brauchen einen gewissen Spielraum in der Gestaltung des Unterrichts.

Zum Beispiel, was Abfolge und Zahl der Fremdsprachen betrifft?

Entscheidend ist für mich, dass die Schüler am Ende der Volksschule über die gleichen Kompetenzen verfügen. Nicht akzeptabel ist es allerdings, wenn jeder Kanton hier plötzlich sein eigenes Süppchen kocht und sowohl über die Abfolge als auch die Anzahl der Fremdsprachen in der Volksschule eigene Regeln aufstellt. Wir müssen alles unternehmen, damit es nicht so weit kommt.

Ist die Einführung des Lehrplans 21 im Kanton Solothurn auf das Schuljahr 2017/18 realistisch?

Das Einführungsjahr ist für mich nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr, dass wir für die Einführung gut gerüstet sind. Wir versuchen die Skeptiker davon zu überzeugen, dass der harmonisierte Lehrplan keine umstürzende Neuerung darstellt. Schon heute zum Beispiel erfolgt der Unterricht in der Mathematik nach den Regeln der Kompetenzorientierung. Ähnliches gilt für das Fach Deutsch. Zudem möchte ich den Lehrpersonen die Angst vor dem Lehrplan nehmen, indem wir ihnen rechtzeitig die nötige Weiterbildung sowie Unterlagen und Hilfsmittel zur Verfügung stellen werden.

Zur integrativen Schule: Durch die Hintertür werden wieder separative Formen wie Klassen für besondere Förderung eingeführt. Ist die Integration ein zu ehrgeiziges Projekt?

Der Kantonsrat hat diese Hintertür aufgestossen. Das ist ohne Kommentar zu akzeptieren. Gerade auch in der Bildung ist es wichtig, dass man dazulernt. Die Integration entspricht einem bereiten gesellschaftlichen Konsens und ist auf Bundesebene gesetzgeberisch vorgespurt worden. Auch bei diesem Projekt aber scheint es mir nur realistisch, dass man in der Umsetzung den Weg immer wieder neu abstecken muss. Wichtig ist dabei für mich, dass wir in dieser Phase den Praktikern zuhören und bereit sind, Anpassungen vorzunehmen. Wenn die Gemeinden jetzt die Möglichkeit haben, verschiedene Formen auszuprobieren, dann erachte ich das als zielführend. Ich selbst verschaffe mir ein realistisches Bild über den Schulalltag, indem ich einmal pro Monat einen Schulbesuch mache.

Ist vor allem auf der Stufe Sek I der integrative Unterricht nicht eine allzu grosse Herausforderung?

Die Leistungsunterschiede werden auf der Oberstufe tatsächlich besonders deutlich. Im Rahmen des erneuten Schulversuchs haben die Schulen deshalb auch die Möglichkeit, weiterhin Kleinklassen zu führen. In diesen Kleinklassen werden die Schülerinnen und Schüler dann speziell unterstützt. Der Fokus muss aber immer darauf liegen, die betreffenden Schüler wieder in die Regelklasse zu integrieren.

Ergibt es Sinn, dass lernschwache Schülerinnen und Schüler in der Primarschule und auf der Stufe SekI zwei Fremdsprachen lernen?

Ich habe die Erfahrungen der Lehrpersonen zu diesem Thema noch nicht systematisch erhoben. Und ich habe bis jetzt auch keine Rückmeldungen, dass grössere Probleme bestehen würden. Sollte Anpassungsbedarf vorhanden sein, dann werden wir zum gegebenen Zeitpunkt reagieren. Auch in diesem Bereich müssen wir pragmatisch vorgehen.

Zum Frühfremdsprachenprojekt in der Primarschule: Kritiker behaupten, dass zwei Fremdsprachen zu viel sind. Was sagen Sie?

Bei meinen Schulbesuchen beeindruckt mich, wie die Kinder mit den beiden Fremdsprachen Französisch und Englisch umgehen. Gerade im Englischunterricht sind die Schüler topmotiviert. Und in beiden Fremdsprachen führt die neue spielerische Unterrichtsmethodik zu erfreulichen Ergebnissen. Es gibt natürlich immer Kinder, die Probleme haben. Aber das ist auch in anderen Fächern der Fall. Für eine abschliessende Beurteilung des Frühfremdsprachenprojekts ist es aber noch zu früh.

Sie haben es bereits erwähnt: Der erste Jahrgang der neu strukturierten Oberstufe verlässt diesen Sommer die Schule. Können Sie eine erste Bilanz ziehen?

Wir sind jetzt daran, uns einen Überblick zu verschaffen, was gut läuft und wo eventuell noch Verbesserungsbedarf besteht. Auch die Anzahl der Sek-P-Standorte müssen wir überprüfen. Was ich jetzt bereits sagen kann: Das neue Übertrittsverfahren in die Sek I stösst auf allgemeine Akzeptanz. Die Zahl der Beschwerden gegen Übertrittsentscheide ist zurückgegangen. Eine grosse Errungenschaft ist das Fach Berufsorientierung in der Sek B und Sek E. Möglicherweise ist dies auch eine Erklärung dafür, dass die Zahl der Lehrvertragsabschlüsse dieses Jahr höher ist als letztes Jahr. Wir haben entsprechend positive Signale aus der Wirtschaft.

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