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Plagiate sind eine gute Sache

05/08/2013 - 21:23

Der Bundesfeiertag ist vorüber. In der einen oder anderen Ansprache fanden wohl auch der Rütlischwur oder Wilhelm Tell Erwähnung. Hat der deutsche Dichter Friedrich Schiller den Freiheitshelden Wilhelm Tell erfunden? Die Frage, ob es Tell wirklich gegeben hat oder nicht, ist nicht endgültig zu beantworten. Es ist nämlich nicht zu beweisen, dass er je gelebt hat. Andererseits ist aber auch nicht zu beweisen, dass er nicht existiert hat. Doch eines steht fest: Schiller hat sich 1804 beim Schreiben seines Dramas an Vorlagen gehalten, und zwar hat er sich eng an die Vorlage des Historikers Aegidius Tschudi gehalten, der im 16. Jahrhundert gelebt hat.

Und Tschudi? Nun, die Sage vom Apfelschuss kommt bereits in einer dänischen Chronik vor, die um 1200 verfasst wurde. Auch hier wurde ein Schütze vom König gezwungen, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. So wird und wurde munter abgeschrieben. Abgeschrieben und überliefert, und dies alles ohne Quellenangaben. Aber ist das wirklich so schlimm? Ich denke nicht. Entscheidend ist, dass wir Schweizerinnen und Schweizer Geschichten über die Gründung der Eidgenossenschaft besitzen, die wir immer wieder erzählen können. Selbstverständlich ist uns bewusst, dass die Erzählung von Wilhelm Tell keine wissenschaftliche Abhandlung ist, bei der jedes Detail historisch überprüfbar ist – bei weitem nicht. Nein, sie ist eine Geschichte mit Erklärungsansätzen, wie und warum es so gekommen ist, wie es eben gekommen ist. Darüber hinaus enthält die Geschichte von der Gründung unserer Eidgenossenschaft auch eine Handlungsanleitung für die Zukunft. Sie enthält Botschaften, die auch heute noch wichtig sind: Es gibt ein Recht auf Widerstand gegenüber einer tyrannischen Obrigkeit.

Die Geschichte lehrt uns, dass die Freiheit ein wertvolles Gut ist, ein Gut, für das es sich zu kämpfen lohnt. Die Freiheit ist es wert, dass man für sie die ganze Person zum Einsatz bringt. Und weiter sagt uns die Geschichte: Der Einzelne ist wichtig, aber die Gemeinschaft ist mindestens ebenso wichtig: Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, / In keiner Not uns trennen und Gefahr. Geschichten, an die man sich erinnert und die man weitergibt, bedeuten Identität. So ist es denn auch ein schwerer Verlust der eigenen Identität, wenn sich – sei es wegen Alter oder Krankheit – ein Gedächtnisverlust bemerkbar macht. Fehlende Erinnerungen bedeutet fehlende Identität. Das gilt für den Einzelnen wie für das Kollektiv.

Wenn Ausländer in die Schweiz kommen, wäre es zu begrüssen, wenn sie sich unsere Geschichten aneignen und dann weitergeben. Plagiate sind eine gute Sache – zumindest bei der Integration von Fremden, von Ausländerinnen und Ausländern. Sobald diese Menschen anfangen, die hier existierenden Geschichten zu den eigenen zu machen, sind sie bei uns angekommen, sind sie ein Teil unserer Gesellschaft geworden. Geschichten, die man teilt, fördern das Gemeinschaftsgefühl; diese Geschichten schaffen Identität. Jedes Gemeinwesen – angefangen bei der Familie, über die Gemeinde bis zu unserer Schweiz – ist auf solche geteilten und erzählten Geschichten angewiesen. Die Feier zum 1. August war eine Gelegenheiten, um alte Geschichten zu wiederholen und neue Geschichten zu schreiben. Haben Sie sie genutzt?

Remo Ankli